Schon auf den schier endlosen Landstraßen Litauens haben wir gemerkt, dass außer uns kaum Camper unterwegs sind, ja nicht einmal Autos mit fremden Kennzeichen. Doch in der Hauptstadt Vilnius merken wir erst so richtig, was es bedeutet, einen touristisch noch weitgehend unentdeckten Ort zu erkunden. Vilnius hat alles, was andere europäische Hauptstädte längst verloren haben: Authentizität, Charme, Kultur und Köstlichkeiten — und das ohne viel Aufhebens darum zu machen. Uns ist schnell klar: Wir sind total verliebt in Litauens Hauptstadt.
Vom Übernachtungsplatz nahe der Altstadt aus erkunden wir das alte Zentrum zu Fuß und ohne besondere Pläne. Durch einen schattigen Park gelangen wir auf einen riesigen Platz, der fast menschenleer ist. Von dort aus ist es nur ein kurzes Stück bis zum wohl besten italienischen Eiscafé außerhalb Italiens — und wir haben schon sehr viel italienisches Eis probiert. Die Kinder sind nun bester Laune, und so genießen wir die Kontraste: Sozialistisch-graubraune Wohn- und Geschäftsgebäude wechseln sich ab mit Backsteinfassaden und stilvoll renovierten Handelshäusern, die dicht an dicht die Straßen säumen.

Die Altstadt ist aber nur eine Seite der Medaille. Auf dem Weg zu unserem Übernachtungsplatz sind wir bereits den Fluss Neris entlang gefahren und haben die gläsernen Hochhäuser gesehen, die ans Frankfurter Bankenviertel erinnern (nur nicht ganz so hoch). Es ist, als teilte das breite Flussbett die Stadt in zwei Hälften. Und nur ein paar Minuten Fahrt weiter beginnt schon wieder der Wald, viel schneller als man bei einer Stadt mit mehr als 600.000 Einwohnern erwarten würde.

Während unseres Stadtspaziergangs sehen wir immer wieder interessante Geschäfte und Cafés. Es sind so viele, dass wir uns kaum entscheiden können, wo wir reinschauen. Einen Stopp legen wir bei der litauischen Nationalbank ein, die eine kleine kostenlose Ausstellung rund ums Geld anbietet. Am Fluss gibt es mitten in der Stadt ein lauschiges, grünes Ufer, das zum Picknicken einlädt. Unter einer hölzernen Brücke hängt eine Bank zum Schaukeln. Ein Ort wie gemacht für einen viralen Instagram-Post — doch die Schaukelbank ist leer und auch wir ziehen weiter.
Kunst an jeder Wand
Im Künstlerviertel Užupis prägen Kunst und Kultur das Bild. Ausgestellt wird in unzähligen kleinen Galerien und öffentlich an Hauswänden, in Einfahrten und Hinterhöfen. Ein Café hat all seine Stühle auf einer Verkehrsinsel inmitten einer Kopfsteinpflasterstraße aufgestellt. Wenn die Sonne herauskommt, wird es trotz der kühlen Luft schnell warm. Abhilfe schaffen die vielen Wasserspender, an denen wir jederzeit unsere Flaschen füllen können.
Bevor wir auf den Parkplatz zurückkehren, verirren wir uns nach einem Spielplatzbesuch unerwartet in ein hippes Biergartengelände mit Streetfood-Wagen und Pizzeria. Davor haben wir noch dem singenden Brunnen beigewohnt, der hier fast völlig unbeachtet seine Wassershow abliefert. Andernorts wäre so etwas ohne eine Menschentraube kaum vorstellbar. Aber zurück zum Streetfood: Wir nehmen die frittierten Roggenbrotstreifen mit Knoblauch und Dipp („Kepta duona“), eine Spezialität, die von den Kindern sofort zum Lieblingsgericht gekürt wird. Ihnen wird die Hauptstadt vermutlich vor allem damit im Gedächtnis bleiben.
