Von der lettischen Landstraße führt mitten im Nirgendwo ein Abzweig in den Wald. Zwischen den satt grünen Bäumen tauchen plötzlich die Gerippe alter Wohnblocks auf, die Fenster leer und dunkel. Noch ein Stückchen weiter dann sind wir da: Am Internationalen Radio-Astronomie-Zentrum Ventspils — einer ehemaligen sowjetischen Radioteleskop-Anlage, die seit 1994 von Lettland zu Forschungszwecken genutzt wird. In den nächsten eineinhalb Stunden erleben wir eine der ungewöhnlichsten Führungen, die wir auf unseren Reisen je gemacht haben.
Manche Erlebnisse sind so speziell, dass sie sich sofort ganz oben in die Liste der unglaublichsten Momente einschreiben, noch während wir mitten drin sind. In Ventspils liegt es nicht daran, dass wir einige der alten sowjetischen Gebäude besichtigen, wo zum Teil noch die originale Einrichtung herumsteht. Auch nicht daran, dass die Tour-Leiterin uns einen 600 Meter langen Verbindungstunnel zum größten der Radioteleskope mit der gigantischen 32-Meter-Schüssel nur mit dem Licht unserer Handytaschenlampen laufen lässt. Es liegt noch nicht einmal daran, dass wir dann noch das Glück haben dieses Ungetüm in Bewegung zu sehen.
Ein einzigartiges Erlebnis
Das unangefochtene Highlight der Besichtigung ist die ausrangierte alte Schüssel des 16-Meter-Teleskops, die jetzt wie ein Schrott-Riese auf einem betonierten Platz liegt, und in die wir hineinklettern dürfen. Wer sich vorsichtig zum Rand hocharbeitet, kann in die Mitte herunterrutschen. Es fühlt sich an wie in einer riesigen Salatschüssel, nur mit mehr rostigem Metall. Wann und wo kann man sonst in einem Radioteleskop stehen?
Darüber hinaus gibt es kaum lästige Vorschriften, die es Menschen erschweren, sich hier in Gefahr zu begeben. Ein paar der Teilnehmer klettern noch die schmalen Stiegen zur Plattform hoch über der Schüssel hinauf. Wir unterlassen es lieber. Ein bisschen Hangeln und Schwingen am Gestänge muss dennoch sein.
Die Kombination mit der zerfallenen Stadt am Eingang des Geländes, wo früher all die Mitarbeiter der Spionage-Station und ihre Familien lebten, rundet das Ganze ab. Und auch geschichtlich ist die Führung spannend. Unsere Tour-Leiterin zeigt uns zum Beispiel auf einem Bildschirm Dokumente der amerikanischen Geheimdienste, aus denen hervorgeht, dass diese die vermeintlich geheime Anlage der Sowjets bereits ein Jahr nach Baubeginn geortet und in den Folgejahren kontinuierlich überwacht haben.
